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Sinnes-art - Ganzheitliche und Sinnliche Massagen in Dresden

Interview mit Andro

Interview mit Andro vom 05.04.08 (leicht gekürzte und bearbeitete Fassung)

 

K: Was mich gestern so erstaunt hat ist, dass deine Massage ganz anders war als das, was ich bisher über Tantramassagen gehört, gelesen und erlebt hab, also ohne diese „Felle, Federn, Seidentücher“, was immer so Gang und Gäbe ist, also du hast das ganz unkonventionell gemacht. Seit wann und warum ist das so anders bei dir gewesen?

A: Es ist schon immer so anders (lacht). Diese ganzen, ich sag mal Spielelemente wie Federn, Felle oder Glockentöne sind ja nur Accessoires, die ganz individuell zum Einsatz kommen, nicht generell. Das sind also keine festen Strukturen. Feste Struktur ist eher, was man mit dem Körper macht – und nicht was mit den Tüchern, Kimonos oder mit der Dekoration und der Musik gemacht wird. Das erotische Massagebuch, das ich vor vielen Jahren herausgebracht hab, ist ja die Grundlage für viele von denen, die es gelernt haben. Da sind die Sachen natürlich alle drin, aber das ist sozusagen ein Grundablauf, an den man sich nicht zwingend halten muss. Das ist halt sehr individuell. Es kommt ja durchaus vor, dass man jemand mit Federn kitzelt und ärgert und der sagt: „was soll'n der Quatsch!“, dann ist das unangebracht. Für jemand anders ist es aber das größte, sanft mit einer Feder Berührung zu erfahren. Eine Kreation einer Massage ist jedes Mal eine neue. Das heißt die Massage, die du bekommen hast, bekommt kaum jemand nochmals. So einen festen strukturellen Ablauf gibt es dafür nicht. Den gibt es für die Yin-Yang-Massage, weil es eine therapeutische Massage ist, aber das gibt es bei der Tantramassage so streng nicht.

K: Du hast also auch keinen besonderen Anspruch bei der Tantramassage, also keinen therapeutischen?

A: Na ja, der therapeutische Anspruch besteht allenfalls darin, der Person soll es gut gehen (lacht), es sollen Wahrnehmungen und Gefühle kommen, aber das kann ja auf ganz unterschiedliche Weise geschehen. Man muss versuchen rauszukriegen: was ist es denn, womit passt es. Wenn du jetzt gerade gesagt hast, es war so anders, dann ist eher die Frage, was war denn da so anders?

K: Ja, es gab halt für mich keinen klaren Ablauf, keine Struktur, es war sehr individuell...

A: Wenn man das jetzt erörtert mit dem „anders“, muss man fragen: wogegen anders?

K: Es gibt in allen Tantramassagen die ich so gelernt habe, halt diesen Ablauf: Rückseite, Vorderseite und diese Elemente, also klarer strukturiert. Und ich hatte so den Eindruck, du machst es so, wie es dir kommt.

A: Ja. Das ist eigentlich der springende Unterschied, dass man kreativ ist, dass man schöpferisch ist, dass man phantasievoll ist. Ich will mal so sagen; diese Struktur, ob man vorne oder hinten oder oben oder unten anfängt, kann man sich natürlich, wenn man anfängt zu massieren, geben, aber das braucht nicht gut zu funktionieren. Man muss also lernen rauszukriegen, was kreiert man für eine Person.

K: Du giltst als derjenige, der die Tantramassage etabliert hat, in Deutschland oder Europa oder?

A: Ja man kann auch sagen erfunden hat, das gab es vorher nicht.

K: Das war eben meine Frage. Was gab es vorher? Ich hab versucht Information zu bekommen, was gab es vorher, weil ich denke, erotische Massage ist ja sicher so alt wie die Menschheit...

A: Ja natürlich, dass sich Menschen gegenseitig massieren ist uralt.

K: Aber diese Form, diese Mawos (Massagewohnungen) zum Beispiel, die gab ́s vorher überhaupt  nicht?

A: Nein, überhaupt nicht.

K: Auch nicht als erotische Massagestudios?

A: Nein. Also es gab zu der Zeit, z.B. in den 70er Jahren, natürlich medizinische Massagen, aber du konntest nirgendwo hingehen und eine erotische Massage buchen, das gab es überhaupt nicht. Zu der Zeit zog man sich noch nicht mal aus für die Massage. Da blieb der Masseur angezogen und die Person wurde immer bedeckt mit irgendwas. Also, vor allem das ganze Genitale wurde ausgegrenzt.

K: Also da gab es praktisch das Rotlichtmilieu...

A: Es gab das Rotlichtmilieu. Die haben natürlich manchmal ein bisschen gefummelt oder auch ganz nett gefummelt, aber nie mit der Absicht, eine Massage zu machen, also auch im Rotlichtmilieu war das nicht bekannt. Das haben die erst übernommen durch uns.

K: Also es gab dann sozusagen erst die Tantramassage und dann wurde das auch Erotikmassage  genannt oder wo ist jetzt der Unterschied?

A: Wenn man so will, gab es eine neue Variante, eine sinnliche Massage, die auch die Sexualität mit einbezog. Die eben vorher immer ausgegrenzt war, z.B. auch bei der Yin-Yang-Massage, mit der habe ich ja angefangen. Da werden ja im Speziellen die Genitalien nicht massiert obwohl sie manchmal berührt werden. Der Unterschied war, dass das Sexuelle, die Erregung, die erotische oder die erogene Stimulation mit dazu kommt. Die wurde ja grundsätzlich bei Massagen vermieden. Wenn man das vergleicht mit den medizinischen Massagen, wo das nicht mal gedacht werden darf, war das schon ein Tabubruch.


K: Wurmt es dich nicht, dass sich das so weit verbreitet hat und alle ihr Geld damit verdienen und irgendwas damit machen?
 
A: Kati natürlich wurmt mich das auf eine Weise, aber auf der anderen Seite man kann solche Sachen in dem Sinne nicht patentieren oder rechtlich schützen oder sonstwie. Nur eine bestimmte Benennung kannst du schützen, den Inhalt kannst du nicht schützen.

K: Versuchst du noch irgendwie Einfluss darauf zu nehmen, was so passiert in der ganzen Szene, oder ist es ein Selbstläufer geworden?

A: Ja, das ist ein Selbstläufer geworden. Ich hab versucht, das durch den Tantramassageverband mehr zu strukturieren und dadurch vor allem Einfluss auf die Ausbildung zu nehmen, damit eben nicht Rotlichtgefummel rauskommt. Das können die in der Rotlichtszene machen, na klar, warum nicht, aber dann sollten sie es nicht so nennen, oder es sollte wirklich eine personenbezogene Massage sein, die die Person wirklich erreicht.

K: Also auf allen Ebenen meinst du?

A: Ja auf allen Ebenen.

K: Und was siehst du für einen Unterschied zwischen erotischer und Tantramassage?

A: Es ist eigentlich keiner. Dieser Unterschied ist, wenn du so willst, dadurch entstanden, dass der Verlag, der damals das Buch veröffentlicht hat, weder Tantramassage noch erotische Massage draufschreiben wollte. Verlage dürfen ja den Titel von Büchern selber bestimmen, so hieß das Buch „Berühre mich“ und nur eben im Untertitel „Erotische Massage“. Für mich ist da kein besonderer Unterschied, weil die einzelnen Massagen allenfalls in der Dauer unterschiedlich sind oder sagen wir mal in der Intensität – wie weit und wie intensiv kann man mit jemandem werden. Und das entsteht durch die Interaktion zwischen den Personen; ich kann niemanden zwingen lustvoll zu sein.

K: Ja. Das beruhigt mich irgendwie, das ist so ein Thema, über das ich mir sehr viel Gedanken gemacht hab. Was ist der Unterschied. Also ich bin da „reingeraten“ in die erotischen Massagen und wusste überhaupt noch nichts vom Tantra. Ich hab dann gemerkt, dass viele Gäste den Unterschied auch nicht so klar kriegen. Oder sagen wir mal, als ich dann Tantramassagen kennen gelernt hatte und die Idee des Tantra oder das was ich damit verbinde halt, wollte ich natürlich auch die erotischen Massagen so machen. Ich meine den ganzheitlichen Ansatz, also die Person als solche zu berühren und nicht nur irgendwie Geld damit zu machen, dass jemand einen Trieb hat und ich den befriedige, sondern dass ich insgesamt die Person annehme wie sie ist und all sowas. Wir versuchen das bei uns im Studio zusammenzukriegen, aber wir hören immer mal wieder: Das müsst ihr doch trennen, erotische Massage und Tantra ist was ganz anderes.

A: Das mit dem Trennen, das ist halt eine neurotische Einstellung und man kann auch verfolgen, wo sie entstanden ist. Wir haben ja jahrelang die erotische Massage oder Tantramassage gemacht und auch in Workshops gelehrt. Dann ist eine von uns weggegangen ins ZEGG und hat das dort verbreitet. Zu der Zeit waren im ZEGG einige Frauen, die aus dem Rotlichtmilieu kamen, sich sozusagen von da verabschiedet hatten und jetzt was anderes machen wollten, und zwar eben nicht mehr Prostitution. Sie hatten eben das Problem: wie grenzen sie sich jetzt ab davon. Und diese Abgrenzungsphobie führt dazu, dass Leute auf der Massagebank massieren und einen klinischen Stil hinlegen und die Kunden oder Klienten verdonnern: du darfst keinen Finger rühren, du darfst mich nicht anfassen, und atme mal ganz still... Damit sie eigentlich nicht erregt sind, keine Lust haben...

K: Die Klienten...?

A: Ja die Klienten. Weil das wiederum für die Betreffenden, die sie massieren, am besten wär. Da haben sie das Gefühl, sie haben sich ganz abgegrenzt davon, was natürlich vollkommener Unsinn ist. Massieren ist eine Dienstleistung, das kann man drehen und wenden wie man will. Die Frage ist, wie intim wird man in so einer Massage, und die Tantramassage wird eben intim, sie ist unter Umständen intimer als sexueller Verkehr mit dem Partner.

K: Mmh, das wäre auch meine nächste Frage gewesen, zu dem „passiv-aktiv“, was gestern für mich ziemlich erkenntnisreich war während der Massage...

A: Na ja mit dem passiv-aktiv... Es gibt Menschen, die fühlen sich wohl in einer totalen Passivität in der Art einer Agonie, alles loslassen. Aber wenn man so jemanden beobachtet, wenn er ganz losgelassen hat, macht der Körper eigene Reaktionen, also er bewegt sich, er zuckt, er bewegt sich in gewisser Weise automatisch oder von sich heraus, das geht dann über das Passive. Andere schlafen inwendig ein, wenn sie passiv werden, da fehlt dann jedes Interesse, sie fühlen sich ziellos, und mit „ziellos“ können viele Menschen gar nichts anfangen. Das heißt, sie brauchen ihre Bewegung, ihre Mobilität inwendig, und wenn die absichtlich blockiert wird durch so ein Abgrenzungsmanöver, empfinden sie gar nichts mehr. Also wenn gesagt wird: „ne ne, du darfst dich aber jetzt nicht auf die Seite drehen, ne du darfst jetzt nicht aufsitzen, ne du darfst jetzt nicht aufstehen, hier wird nicht rumgelaufen bei der Massage, leg dich mal wieder ordentlich hin auf den Rücken – und vielleicht fühlt er sich gar nicht wohl auf den Rücken...

K: Ja genau.

A: Also, ich will mal so sagen, diese Bewegungslosigkeit oder diese extreme Passivität kommt nur aus der Abgrenzungsmanie, um also sozusagen nicht als Prostituierte dazustehen. Und dann wiederum haben ja viele Berührungsängste, eigene, also gerade in der Ausbildung merken wir das. Viele Frauen wollen nicht betatscht werden, so nennen sie das. Egal wo und wie sie angefasst werden, ob jetzt vorsätzlich oder nur zufällig, ist für sie ganz egal, sie wollen nicht angefasst werden. Das heißt aber auch, sie wollen eigentlich nicht berührt werden, und das ist ein Widerspruch. Wenn ich jemanden berühre und vermeide die Rückberührung, das ist wie beim Hand geben; ich geb jemanden die Hand zum Guten-Tag-Sagen und der Andere lässt seine Hand wie eine Totenschlaffhand in meiner, da kann ich die ja gar nicht anfassen. Also diese Einseitigkeit stimmt für mich nicht, es ist immer wie Rede und Antwort, es ist ein Agieren und ein Reagieren. Wobei das Reagieren eben ein Reagieren sein muss und nicht ein eigenes Agieren zu eigenem Interesse...

K: Des Klienten meinst du...

A: Ja. Oder womöglich dass der Klient oder Patient meint, er muss jetzt die Masseurin stimulieren damit die erregt ist oder sowas und sich daran aufgeilt – das ist sozusagen die Umkehrung wiederum von der Handlungsenergie.

K: Also braucht ́s eigentlich als Masseurin ziemlich viel Bewusstheit, weil ich ja nichts Unangenehmes mit mir machen lassen will, und es braucht Kommunikation...

A: Ja richtig. Braucht Kommunikation und braucht natürlich für die, die noch nie so eine Massage bekommen haben, eine Instruktion vorher; also wie läuft so eine Massage ab, was darf nicht gemacht werden und so weiter. Aber alles andere ist nicht vorgeschrieben. Das heißt, es ist okay, wenn jemand gern passiv ist, aber auch wenn jemand sich bewegen will, auf sein will, schnell atmen will, rumgucken will. Da haben wir auch so'n Beispiel; wenn jemand die Augen offen halten, alles angucken will, da kriegen manche Frauen mitunter auch schon Motten und sagen dann: „mach mal die Augen zu“, weil sie nicht mal angeguckt werden oder beobachtet werden wollen. Wie gesagt, das ist alles nicht vorgeschrieben. Es gibt halt die Grenze, dass es keine sexuelle Interaktion ist, also da wird nix reingesteckt, also kein Genital ins andere Genital gesteckt. Aber letzten Endes, die Finger werden unter Umständen schon reingesteckt. Ähnlich ist das mit den Lippenberührungen, also manche gehen mit ihren eigenen Lippen nie an den Klienten, nirgendwo, weil sie Angst haben vorm Küssen. Aber das ist dieselbe „Prostituiertenabgrenzung“, die eben auch nicht küssen und sagen; dann ist mein Gefühl nicht beteiligt, das ist nur mechanischer Sex, weil ich eben nicht küsse.

K: Welche Erwartung hast du an den idealen Klienten. Also kann ein Klient zum Beispiel irgendwas falsch machen, wenn ja was?

A: Nee. Ich hab gar keine Erwartung an den Klienten. Also ich massier ́ ja auch Kranke oder Lahme, massiere auch Behinderte, oder massiere Frauen, massiere Männer, massiere Alte, massiere auch Junge, also insofern kann ich gar keine Erwartung haben.

K: Aber das jemand zum Beispiel atmet oder passiv ist oder nicht passiv ist...

A: Naja, dass jemand reagiert, dass er meine Massage annimmt. Also das gibt’s natürlich schon gelegentlich, das jemand wie gesagt mit der festen Meinung schon kommt, 'also ich will nur stimuliert werden am Penis und alles andere interessiert mich nicht und schnell einen Orgasmus haben und wieder gehen', also das ist...

K: Mit so einer Erwartung kämst du nicht klar?

A: Doch ich käme schon klar. Ich würde dem schon sagen, dass das hier nicht so ist und...

K: (lacht) Ah ja, du würdest es nicht erfüllen, sagen wir mal so...

A: Nein, so nicht. Also es gibt da eine einfache Regel: alles was ich freiwillig tue, tue ich. Aber der Klient kann nicht bestimmen, was, wie und wie lange ich es tue. Es kann natürlich durchaus sein dass ich ihn stimuliere, na klar, er kann auch einen Orgasmus haben, ein Orgasmus ist ja nicht verboten in der Massage. Das ist auch so ein Thema, viele meinen, am besten müsse man den weglassen. Ja, aber wenn du die sexuelle Energie weckst, wo soll denn die Energie hin, soll man jetzt jemanden nach Hause gehen lassen, angemacht, und was macht er denn dann? Wozu? Also, das erfüllt ja sozusagen den energetischen Kreislauf nicht, sondern bricht ihn irgendwo ab. Auch wieder nur aus dem selben Grund, keine sexuellen Handlungen begannen zu haben nach dem Prostitutionsbegriff.

K: Und dann hast du diesen „Big Draw“ wahrscheinlich nicht erfunden?

A: Big Draw – den Begriff als solchen habe ich nicht erfunden, nein, das ist eigentlich nur die Verbindung mit einer Atemtechnik und die Unterstützung, in das Loslassen reinzugehen, indem man Spannungsaufbau macht und plötzlich abbricht.

K: Ich hab oft den Eindruck, dass die Gäste damit Erwartungen verbinden, die nicht erfüllt werden können, weil sie einfach nicht die Voraussetzungen mitbringen, das erleb ́ ich oft, sie erhoffen sich einen Ganzkörperorgasmus und haben große Erwartungen. Dann sind sie enttäuscht, weil eben die Fähigkeiten gar nicht da sind, also rein physisch, ich meine die Beckenbodenspannung oder die Atemtechnik, das braucht ja Übung dazu...

A: Ja, also weder die Atmung, die man dazu gut einsetzen muss, noch dass sie die Spannung halten können und aufbauen können, hyperventilieren sie meistens zu früh. Das sind Methoden, aber diese Methoden dienen nicht dazu, den Orgasmus zu vermeiden oder bei Männern den Samenerguss. Also das ist ein Irrtum. Das ist einfach ein anderer oder ein intensiverer energetischer Aufbau, der durchaus auch mit der Ejakulation einhergehen kann, die muss nicht vermieden werden, das ist eine hirnrissige Ansicht. Die kommt auch wieder nur aus der Abgrenzungsseite in dem Sinne, dass die Männer zwar einen Orgasmus haben sollen, aber möglichst ohne Ejakulation, damit kein Nachweis da ist, dass sie einen Orgasmus hatten, also das wird doch ein Hirnriss.

K: Es ist angenehm wie du das so sagst, das entspricht einfach auch meinen Erfahrungen...

A: Ja. Das geht jedem so, wenn man damit arbeitet, kommt man auf solche Erkenntnisse, da braucht man eigentlich keine Anweisung dazu. Je mehr Erfahrungen du sammelst, umso mehr stellst du fest, wie es am natürlichsten gehen kann.

K: Ja. Ich hab noch ein paar ganz persönliche Fragen.

A: Ja klar.

K: Was für Dinge machen dich glücklich?

A: (lacht) Viele Dinge machen mich glücklich. Aber am glücklichsten bin ich an und für sich, wenn ich Körperkontakt habe mit anderen Menschen, möglichst mit mehreren, aber nicht unbedingt. Manchmal ist es mit einer Person wunderschön, aber manchmal hab ich das Gefühl, das Baden, das Eintauchen in mehrere Berührungen ist genauso schön oder anders schön und natürlich sexuelle Erregung als solche, die möchte ich nicht missen in meinem Leben, also wenn ́s geht kommt die täglich mindestens einmal vor, das halte ich für gesund.

K: Kann man gute Tantramassagen machen ohne sich speziell als Tantrika zu bezeichnen mit dem ganzen Weltbild dazu?


A: Ja, sicher kann man das.

K: Und was ist dein Weltbild? Bist du jetzt durch und durch Tantrika, also dass du auch an den spirituellen Weg glaubst und den so gehst?

A: Ja da kommt es drauf an welchen spirituellen Weg. Also Tantra hat gar keine engen Vorschriften, Tantra ist, wenn du so willst alles, ganzheitlich, beinhaltet alles mit.

K: Aber doch bewusst, oder?

A: Ja. Das heißt auch die Sexualität bewusst zu inszenieren, bewusst zu erleben, bewusst reinzugehen, bewusst zu gestalten. Also nicht einfach nur geschehen lassen als ein Trieb, der, wie man so schön sagt, jetzt ventiliert werden muss und dann hat es wieder seine Ruh. Der tantrische Ansatz ist, diese sexuelle Energie zu wecken, zu erweitern und ins ganze Leben zu bringen, also auch in Bereiche, die normalerweise rein schon aus moralischer Vorstellung mitunter mit Sexualität überhaupt nicht verkoppelt scheinen, meines Erachtens sind sie biologisch aber immer verkoppelt. Das heißt, wir können gar nicht anders als auch sexuell zu sein und auch zu empfinden, nur eben manchmal ganz verdrängt, manchmal ganz versteckt, oder wir schämen uns mitunter dafür, entwerten das auch noch, wo es aber eigentlich sozusagen die Wurzel für das ganze Lebendigsein darstellt.

K: Mmh. Das ist auch so der Sinn des Lebens irgendwo, ja...?


A: Ja darin kann man seinen Sinn finden, ja, da finde ich ihn jedenfalls. Jemand anderes findet ihn vielleicht in was anderem oder klammert die ganze Sexualität vielleicht sogar aus. Es gibt ja erstaunlich viele, um die 50 %, die die Sexualität früher oder später ganz an den Nagel hängen. Da sind natürlich auch schlechte Erfahrungen eine Ursache zu sagen: „dann lass ich doch das dumme Spiel, wenn es mir eh nicht gut tut oder wenn ich eh keine Freude daran hab.“ Aber man kann eben sehr viel Freude dran haben, vor allem Lebensqualität daraus beziehen und sich wohl fühlen, selbst wenn es einem in den äußeren Lebensumständen im Grunde genommen schlecht geht. Manche haben nur sich und die Liebe und sind damit zuweilen psychisch viel besser drauf als die, die sehr viel mehr Luxus und Güter haben als andere.

K: Weil du gerade den Liebesbegriff ins Spiel bringst, was ist für dich Liebe?

A: Ja, Liebe ist für mich Hingabe, das kann das Hingeben in das Tun sein, das kann das Hingeben in das Massagegeben sein, das kann auch das Hingeben in die sexuelle Interaktion sein. Es kann aber auch die Hingabe an Kinder sein, an Familie. Wie die sich äußert ist egal, aber ich empfinde es als eine Hingabe.

K:...als Gefühl, das aus dir strömt, was einfach da ist und herausquillt...?

A: Ja. Und das ist nicht allein auf eine Einzel-Person reservierbar, das empfinde ich als eine Einschränkung generell. Die kann man zwar kulturell oder sozial verstehen, aber es bleibt eine Einschränkung. Ich meine, auf dem Feld draußen in der Natur wachsen viele Pflanzen, viele Blüten sind wunderbar. Wieso muss ich jetzt dieses eine Veilchen als das einzige Veilchen sehen, wieso ist nur dieses eine blaue Blümchen das Blümchen, das ich liebe, und alle anderen gefallen mir nicht und ich kann sie ummähen? Was jetzt nicht heißt, das man keine Beziehungen hat oder keine Beziehungen entwickeln sollte, im Gegenteil – Beziehungen wachsen ja durch diese Hingabe.

K: Eine ganz pragmatische Frage noch, dieses Buch „Berühre mich – Anleitung für erotische Massagen“, hab ich jetzt mal bei Ebay für über 60 Euro gesehen – warum wird das nicht mehr aufgelegt?


A: Das hat was mit den Verlagsrechten zu tun, das ist ja nun schon die dritte oder vierte Auflage...

K: Das ist also nicht, weil du da nicht mehr dazu stehst oder so?

A: Nein nein. Ich könnte es, da es der Verlag nicht mehr auflegen will, praktisch selber auflegen oder einem anderen Verlag geben, aber der Verlag hat daran irgendwelche Rechte, das wollten wir mal über den Tantramassageverband klären, aber da bin ich ja mittlerweile wieder ausgetreten...

K: Aus dem Tantramassageverband? Das weiß ich noch gar nicht...

A: Ja, das hat mit diesen Problematiken zu tun, die wir gerade angesprochen haben.

K: Aber du hast den doch mit gegründet?

A: Ja sicher. Ich bin da ausgetreten, weil die Massagen, die da weiterverbreitet werden sollen, doch sehr entfernt sind von meiner Auffassung. Ich konnte mich in dem Verband nicht durchsetzen. Da gab es schon relativ viel Dissens, es gab auch Dissens über die Ausbildung. Also wer sollte denn überhaupt massieren dürfen zum Beispiel. Es gibt Leute, die halte ich für ungeeignet, so ein Beruf überhaupt auszuüben, die schädigen sich selber damit. Gut sie verdienen vielleicht Geld, aber das Ganze ist dann keine gute Veranstaltung. In einem Verband reden dann viele mit, da kann man auch überstimmt werden, wenn man der Vorsitzende ist. Ich hab jetzt die Tantramassage – Interessengemeinschaft gegründet zur Verwertung der Lizenzen.

K: Welchen Namen genau kann man dann verwenden mit der Lizenz?

A: „Tantramassage nach Andro“. Das sind im Netz über Tausend, die bereits den Begriff „Tantramassage“ verwenden, obwohl sie keine richtige Ausbildung haben. Manche haben so eine Art Einweisung irgendwo erhalten, manchmal nur einen Tag, das halte ich nicht für eine Ausbildung. Unsere Ausbildung ist strukturiert, sie ist länger und geht auch auf die persönliche Befähigung ein, überhaupt zu massieren. Also den Begriff „Tantramassage“ ...

K: Konntest du nicht schützen lassen, weil das zu allgemein ist?

A: Ja. Ich kann nur „Tantramassage nach Andro“ schützen, nicht „Tantramassage“. „Yin-Yang- Massage“ allerdings konnte ich schützen lassen.

K: Denkst du, dass die Idee überhaupt gescheitert ist, Richtlinien für Tantramassage beziehungsweise die Ausbildung zu strukturieren?

A: Nee, das ist doch nicht gescheitert. Es stellt sich nur die Frage, wie man es strukturiert oder was man in einer Tantramassage machen kann. Viele Frauen, die in Massagesalons arbeiten, haben eigene persönliche Probleme überhaupt zu massieren, dann geht man auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zurück und das gefällt mir nicht, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu gehen.

K: Weil dann nicht mehr so viel übrig bleibt von dem Besonderen einer Tantramassage?

A:Ja, das fängt schon damit an, dass die meisten am liebsten auf der Bank massieren wollen und das halte ich gerade für eine Tantramassage von vornherein für eine Einschränkung. Manche sagen: „ja ich hab ́s am Rücken“ oder die meisten fürchten sich vor der Nähe, vor der Intimität. Das darf in der Tantramassage nicht der Fall sein – also wenn ich die Nähe fürchte, dann kann ich keine Tantramassagen geben. Dann muss ich eine medizinische Massage machen, wo ich mit Schlips und Schuhen dastehen kann, sozusagen instrumentell, aber das ist ja genau der Unterschied zu allen anderen Massagen.

K: Na ja, ich merke immer wieder, es kommt halt sehr auf die Persönlichkeit an. Ich meine, ich kann ja nur Nähe zulassen, wenn ich mir auch sicher bin, dass ich in mir sicher bin, oder meine Grenzen selber...

A: ...wahren kannst.

K: Ja, dann kann ich ja auch umso mehr schenken.

A: Ja. Das hängt damit zusammen, dass ein großer Teil von Frauen das halt als Gelderwerb ansieht, als praktisch, weil man damit Geld verdienen kann, aber ob sie es vom Herzen her gern machen würden, ist dann noch die Frage. Das ist für meine Begriffe die Grenze, wo die Prostitution beginnt – das ist genau Prostitution, wenn ich wegen Geld was mache, was ich persönlich mit der Person gar nicht machen will. Und insofern erübrigt sich auch die Frage, was man in so einer Massage alles machen darf, wieviel Berührungen welcher Art, wie intim und so weiter...das kann immer nur das sein, was ich auch gern machen mag. Egal ob das jetzt strukturell vorgeschrieben ist oder nicht – ich darf es nicht machen, wenn ich es nicht machen mag. Also da muss man immer selber die Grenze ziehen können.

K: Mmh, ist eine schöne Definition, gefällt mir...

A: Das können eben viele so von vornherein schon nicht, darum sind sie mitunter im Leben ja auch verunglückt, weil sie keine Grenzen ziehen können, oder gar kein Gefühl dabei haben häufig.

K: Aber dann müssten ja theoretisch einige Tantramasseurinnen erst mal eine Therapie machen...

A: Na ja, ein Teil müsste eine Therapie machen oder sollte diesen Beruf gar nicht ergreifen, da kann man regelrecht abraten, das tun wir mitunter auch. Da muss man schon an sich selber arbeiten. Vor allem, wenn ich das nicht nur kurzfristig mache, sondern wirklich als Beruf. Und wir sind sehr interessiert daran, das als Berufsbild zu kreieren und dadurch auch in der Öffentlichkeit eine gewisse Anerkennung damit zu bekommen.

K: Es bräuchte eigentlich dann auch eine Einrichtung, wo man eine Art Supervision kriegt?

A: Ja das sind wir ja, das gibt es seit 30 Jahren bei uns, nur viele wissen gar nicht, dass es das bei uns gibt. Also sinnvoll ist es und wir machen auch Fortbildungen, da kommen wir für ein oder zwei Tage in ein Massageinstitut. Da schauen wir, wo die Frauen stehen, die da arbeiten, was sie denn so machen...Wir geben Beispiele, fragen nach kritischen Themen, und zwar ganz konkret mit Beispielen. Wo hast du eigentlich deine Ausbildung gemacht?

K: Bei Michaela Riedl.

A: Bei Michaela, na das ist noch mit das Senkrechteste, weil sie als eine von recht wenigen in Tantra wirklich eine Ausbildung hat. Viele, die Workshops machen und das weitergeben, kommen ja überhaupt nicht vom tantrischen Ansatz her...

K: Ich hab noch ein Tantra-Jahrestraining gemacht, aber ich nehm ́ mir halt das, was für mich stimmt und passt und muss mich jetzt nicht diesem Weg verschwören, also ich möchte viele andere Sachen auch integrieren...

A: Nein dem Weg verschwören muss man sich nicht, aber es macht Sinn, sich damit vertraut zu machen, was meint Tantra. Ich könnte es in einen ganz kurzen Begriff setzen: eine „Heilige Sexualität“. Welche Ausformungen ritueller Art oder liturgischer Art oder struktureller Art es jetzt hat, das ist Tantra ganz wurscht, es gibt in den Traditionen von 4000 Jahren die ganz verschiedensten Ausformungen. Die Grundlinie ist die, dass die sexuelle Energie geweckt und in Aktion kommt, nicht dass sie sozusagen nur sublimiert wird in irgendeinen esoterischen Regenbogen oder in eine Meditation, wo im Endeffekt die Sexualität wegfällt. Also Tantra agiert mit der Sexualität, und das halt nicht nur im sexuellen Akt der Vereinigung selber, das bezieht viele Aspekte des Lebens mit ein.

K: Ja, dann danke ich dir recht herzlich für das Interview!


Hinweis: www.tantramassage-andro.de